Montag, 22. Juli 2013

Abizeitung

Die Schulferien haben begonnen. Der Doppeljahrgang genießt die bzw. leidet unter der Hitze und gönnt sich zum Großteil erstmal eine Auszeit, ähnlich wie alle anderen Menschen, die es sich erlauben können. In solchen Momenten der Ruhe fand die diesjährige Ausgabe der Abizeitung ihren Weg zu mir.

Darin werden alle 213 Schüler, die dieses Jahr ihr Abitur gemacht haben, vorgestellt. Das geschieht in Form von Charakterisierungen, die durch Freunde geschrieben wurden. Auf einer Seite soll der ehemalige Schüler also beschrieben werden. Von der Form her fallen zwei bis drei leere Seiten von Leuten, die entweder keine oder nur sehr unorganisierte Freunde haben, sowie eine in Java gecodete Seite auf.

Der Rest langweilt mich eher. Auf den Fotos lächeln alle brav. Ein paar Mädels haben sich für den Fototag anscheinend richtig in Schale geschmissen und posen modelhaft, während der ein oder andere Kerl ein bisschen breiter grinst oder eine Pose macht. Ich weiß jetzt, dass erstere gerne essen, dass sie sich vorm Feiern Gedanken um ihr Outfit machen, dass jemand Alkohol trinkt, dass er oder sie die liebenswerteste Person der Welt ist, gerne lacht und weitere total unpersönliche Dinge.

Dabei fällt auf, dass irgendwie keiner so richtig schreiben kann. Man erkennt immer gewisse Wörter und Formulierungen und versteht irgendwie, was gemeint ist, aber Deutsch scheint keine Priorität in der Schullaufbahn gewesen zu sein. Anscheinend sind Kerle da auch fitter als Frauen, aber das könnte auch das miese Sexistenschwein in mir sein.

Ich weiß noch damals, als wir uns mit unserer Freundesgruppe aus sieben Kerlen zusammengesetzt und die Charakterisierungen füreinander geschrieben haben - eine gleichzeitig und natürlich immer unter Ausschluss des zu Charakterisierenden (der währenddessen übrigens den GTA Vice City Spielstand weitergespielt hat). Lustig war's, und bei jedem ist ein individueller und treffender Text rausgekommen. Ganz zu schweige von den Lachattacken beim Schreiben und späteren Lesen.

Ich denke gerne zurück an die Zeit und versuche in der vor mir liegenden Abizeitung bekannte Charaktere wiederzufinden. Ich überlege, wie es bei uns war, versuche ein Gefühl für den - nennen wir es - "Zeitgeist" zu bekommen und ihn zu vergleichen. Das will mir nicht so richtig gelingen. Eigentlich sollte dieses Jahr das fünfjährige Jubiläum unseres Jahrgangs sein, um das sich aber keiner so richtig kümmern will, wie es noch anders in Monate zurückliegenden zufälligen Smalltalk Begegnungen beteuert wurde.

Am Ende der Zeitung steht noch ein kritischer Kommentar, kaum länger als eine Seite, über die Idee des Doppeljahrgangs. Es wird dort gesprochen über die Probleme, einen Studienplatz zu bekommen, aber auch über organosatorische Probleme der Vergangenheit, wie z. B. das Ausrichten des Abiballs für so viele Menschen. Wirkt etwas lieblos.

Das Rating der Schüler darf natürlich nicht fehlen. Man will ja auch in zehn Jahren noch wissen, wer das schönste Auto hatte, welches Mädchen am meisten Zeit vor dem Spiegel verbrachte und welche/r Lehrer/in am meisten feiern und am sexiesten gekleidet war. Fun Fact: die Top 2 haben beide bereits mit Schülern geschlafen. Die eine ist jetzt mit einem ehemaligen zusammen, die andere hat Abiturlösungen an einen Schüler weitergegeben, ist aufgeflogen und jetzt für vier Jahre suspendiert. Ein Hoch auf heiße, feierwütige Lehrerinnen!

Die Abizeitung lege ich beiseite. Ist ein solide produziertes Werk. Ich kenne aus den beiden Jahrgängen kaum Leute, und dennoch ist mein Kopf voller Eindrücke, Erinnerungen und Zukunftsprognosen. Die sind etwas detaillierter als die Wünsche vieler Abiturienten "meine Ziele zu erreichen" oder "glücklich zu sein". Man kann ihnen nur das Beste wünschen.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen