Sonntag, 26. Mai 2013

Impressionen eines außergewöhnlichen Sonntags

Ich bin mal wieder viel zu lange wach geblieben. Aber ein bisschen sollte man den kommenden Tag, an dem es nach Osnabrück zum Finale der U17 Damen (oder sagt man dann Mädchen?) im Basketball nach Osnabrück geht. Sechs Stunden Schlaf müssen reichen...von denen bekomme ich aber nur fünf, weil ich nach einer Stunde mal wieder mit Herzrasen und Angstzuständen wach werde und mir erstmal ausreden muss, dass Einbrecher (die ich eigentlich gerne verprügeln will) im Haus sind.

Früh aufstehen, alle Planung über den Haufen werfen und dann doch wieder zum Ursprung zurückkehren. Ich liege also 30 Minuten, die ich eigentlich gechillt mit Fertigmachen verbringen würde, im Bett. Dann muss natürlich alles etwas schneller gehen. Möchte Pinkeln, doch das Klo hat keine Klobrille mehr. Schockzustand. Entgegen jeglicher guter Erziehung mach ich's dann im Stehen. Geht alles gut.

Ich mache ein Bild vor'm Duschen mit Bart, eins nach'm Duschen mit Bart (Haare bereits faszinierend weniger voluminös) und eins nach'm Duschen rasiert. Ach so, das mit Pseudo-Hitlerbärtchen als Zwischenstadium habe ich vergessen. Sieht aber auch nicht originalgetreu aus. Mich eben geil riechend machen und Bier einpacken. Fahre zu Sven um mit ihm weiter zum Bahnhof zu fahren. Zug hat 35 Minuten Verspätung. Würden den Anschlusszug in Dortmund nicht mehr bekommen. Kaufen ein Ticket für in zweu Minuten. Sven leist in der "Hektik" den Zugplan falsch und wir warten an Gleis 13. Unser Zug steht an Gleis 12, das am selben Bahnsteig liegt. Ein Typ, der da steht, sagt "Das ist der falsche.". Später wird mir klar, dass er gar nicht wusste, welchen wir suchten. Jedenfalls fährt der Zug vor unseren Augen los, ohne, dass wir wissen, dass es unserer ist. Folglich sitzen wir eine Stunde am Duisburger Hauptbahnhof fest. Klingt negativ, ist eigentlich das Paradies. Denn nun bietet sich die erste Gelegenheit für ein Bier. Etwas nach 10 Uhr zischt es zwei mal und der Alkohol beginnt sich im Körper auszubreiten.

Die viel zu teuren Brötchen aus der Bäckerei und der preislich total angemessene Kaffee von Starbucks gestalten das Frühstück. Eine ältere Dame moniert auffällig meine laute Art zu reden. Ignoriert man. Die Welt soll unsere Gesprähe ruhig hören. Den Metaller mit der Köpi-Dose neben uns amüsieren sie augenscheinlich. Und generell müsste man das alles eigentlich mal aufnehmen. Nicht nur, dass wir uns dann daran erinnern (und nicht drei mal das gleiche Gespräch führen) würden, wir würden auch reich damit werden. Qualität. Die gutaussehende Starbucksverkäuferin bringen wir übrigens mit zwei Sätzen dazu, ihren eigenen Arbeitgeber zu polemisieren. Glukoseintoleranz, Größenangaben die von L bis XXL reichen und Hipster sind Thema. Zu Glukoseintolernaz habe ich neulich eine Studie gelesen...auf der südlichen Erdhalbkugel liegt die Quote in der Bevölkerung bei 80-100%, in der nördlichen jedoch bei 0-20%. Was sagt uns das? Richtig, Hitler.

Die Zeit verfliegt wie im Flug. Ob Dinge wohl auch nicht im Flug verfliegen? Man weiß es nicht. Jedenfalls wollen wir unser Ticket umbuchen. Dies wird uns verwehrt. Weil es den ganzen Tag gültig ist. Froher Dinge begeben wir uns zu unserem Gleis - diesmal wirklich 13 - und steigen in den Zug. Wir setzen uns auf reservierte Plätze von Leuten die in Bochum (Ich) und Münster (Sven) zusteigen. Es hagelt gute Gespräche, die ein Till sich gewiss gewünscht hätte, und die die Mitfahrer n Hörreichweite gewiss unterhalten. Das erste Thema ist übrigens eine Kritik an der Bahn für dieses bescheuerte Ticket plus Sitzreservierung Prinzip. In Bochum steigt niemand zu, Jackpot. In Münster - oh, ich vergaß, vier Bier später - dann leider doch. Die Frau, die auf Svens Platz will, macht irgendeine Bemerkung, von der sie wohl dachte, dass sie witzig sei. Ich erwidere etwas, von dem ich wohl dachte, dass es witzig sei. Lachend entferne ich mich. Das Lachen vergeht mir auch nicht bei der weiteren Suchen nach einem Sitzplatz, während der wir direkt von vielen Wegelagerern Sympathie erfahren. Man kann einfach nicht anders.

Im Speisewagen darf man nur sitzen, wenn man sich etwas kauft, beispielsweise ein Croissant mit Käse für 3,20€. Die letzten 20 Minuten stehen wir also. In denen kontrolliert uns auch endlich ein Schaffner. Beinahe hätte sich der Kauf der Tickets für 55€ nicht gelohnt. Angekommen bewundern wir kurz den Osnabrücker Bahnhof und nehmen uns ein Taxi. Der Taxifahrer ist super. Hat Humor und redet über relevante Dinge. Welche das waren, habe ich ob des Alkohols bereits vergessen.

Wir kommen in der Halle an. Nur ein paar Minuten verpasst. Ich sitze neben meiner Mutter im orange-pinken Fanshirt vom TSV Hagen, dem VErein meiner Schwester. Auf dem Shirt steht ominöserweise TSV AH. Man denke sich seinen Teil. Boah nein, nicht was du jetzt wieder denkst, nicht Albert Heijn, die bekannte Supermarktkette aus den Niederlanden. Dummerweise ist meine Mutter auch Handhaberin der großen Trommel. Obwohl wir in Osnabrück gegen Osnabrück spielen, übertönen wir (hach, Zugehörigkeitsgefühl ist sowas Tolles) die Gastgeber. Ich bekomme dafür ein Paar mal das Teilzumaufdietrommelschlagen gegen's Bein, aber das gehört einfach zu einer authentischen Experience (Anglizismen ftw). Sven und ich feuern an und beleidigen Gegner. So, dass es kaum einer merkt natürlich. Wir bekommen wirklich nur 1-2 böse Blicke. Ein kurzer Schreckmoment, als eine Gegnerin auf den Fuß von Sarah fällt, an dem sie sich erst eine Woche zuvor einen Bänderanriss zugezogen hat, ist sputig überwunden. Schneller als man sich versieht ist das Spiel gewonnen. Hagen ist Meister. Als ich sehe, wie meine Schwester (Top Scorer) und ihre beste Freundin im Team (sonst Top Scorer) sich umarmen habe ich sogar eine Träne im Auge. Papa (wir nennen ihn in Fantasiegespinnen "Flitzer" mit allem was dazu gehört) steht natürlich schon auf dem Feld und macht Fotos. Mama ist mittlerweile auch dabei. Eigentlich ist die Tribüne bis auf uns leer.

Wir gehen dann auch auf's Feld. Sarah sieht mich kommen, löst sich vom Team und springt mir in die Arme - beziehungsweise möchte das. Sie rutscht fast auf dem vom Zelebrieren mit Wasserflaschen nassen Boden aus. Ich fange sie und hebe sie hoch. Stolz. Mama wischt verantwortungsbewusst das Wasser weg...wenig später rollt ein Wagen an, der das in mehrfacher Geschwindigkeit für sie übernimmt. Guter Wille ist trotzdem süß. Danach passiert eine lange Zeit nichts und Sven und ich spielen etwas Basketball auf freien Korb. Man sind wir gut. Mal wieder Kind sein, kurz die Urkunde, die Sarah mir anvertraut hat auf eine Matratze legen, die dann weggeräumt wird, sie panisch irgendwie durch das Befragen einiger Leute in der Halle wieder auftreiben, weiter Kind sein...bis wir dann irgendwann zum Griechen aufbrechen. Natürlich mit dem ganzen Team.

Irgendwann während der Fahrt zum Griechen fällt Papa auf, dass er gar nicht weiß, wo der Grieche ist. Im Endeffekt war er wenige hundert Meter von der Halle weg, aber man will ja was von der Stadt sehen. Sven und ich sitzen an einem Tisch mit einem Basketballpapa und seinem Sohn. Seine anfänglichen Versuche, über Basketball zu reden, unterbinden wir schnell. Stattdessen geht es wenig später um Glücksspiel in Laos, Thainutten mit denen man Kinder zeugt und dann heiratet (Tochter und Sohn beide asiatisch geprägt), Ouzo der auf's Haus geht, Fußball, das Beleidigen des Sohnes als Junkie (das den Vater belustigt) und verwandte Themen. Gyros mit Bechamelsoße sollte man mal gegessen haben. Ein Punkt weniger auf der Bucket List.

Die Tochter setzt sich zu uns. Sie redet über verschiedenes und wirkt selbstbewusst. Ich finde das sehr angenehm, aber stelle mir vor, dass sie im Team unbeliebt ist. Das bestätigt sich später. Sarah sagt, sie sei das Opfer des Teams. Zu nervig. Ist uns egal, wir trinken Ouzo auf's Haus und Bier. Glücksspiel. Hitler. Nach dem Essen brechen alle zu ihrer Heimat auf. Es war nett. Der Heimweg wird mit Schlafen und einem Whatsappchat "Rückbank" (Sven, Sarah, ich) verbracht. Textpassagen sind "mehr liebe in einem chat als in zwei jahren", "der fahrer is do besoffen", "am 7. tag schuf gott den menschen, deswegen is nr 7 am besten gewesen".

Gerade zu Hause überrascht uns eine befreundete Basketballfamilie. Komisches Wort. Der jüngere Sohn der Familie hat vor einer Woche erreicht, was Sarah jetzt erreicht hat. Man lacht zusammen und redet über Basketball. Das gleiche wie jeden Abend also. Ich stelle mich der Höflichkeit halber ein paar Minuten mit dem letzten aus dem Kühlschrank geholten Köpi dazu. Doch dann zieht es mich zurück in mein Gemach. Den ganzen Tag stand ich übrigens in Kontakt mit und dachte an eine Person, mit der ich jetzt mental verlobt bin. Sagt zumindest Twitter.

Samstag, 20. April 2013

How to...destroy a human being with words

Step 1: Erfragen, ob zu zerstörende Person anwesend ist.
Step 2: Nachdem man sich von der Anwesenheit der zu zerstörenden Person überzeugt hat, erkundigt man sich bei selbiger, wo sich die Grenzen ihres Verständnisses befinden.
Step 3: Weise die Person darauf hin, dass es auch eine friedliche Art und Weise gibt, die Dinge zu regeln. Dies muss immer die komplette Unterwerfung der Person und ihre Anpassung an die eigenen Pläne zur Folge haben.
Step 4: Bei mangelnder Kooperation, mit dem Anzünden drohen. Der zu zerstörenden Person muss klar werden, dass dies mit einem Autoreifen geschehen soll.
Step 5: Den obligatorischen Rausschmiss verkünden.
Step 6: Nocheinmal auf die Möglichkeit völliger Unterwerfung hinweisen um eine Rekapitulation seitens der zu zerstörenden Person zu ermöglichen.
Step 7: Internetmeme posten, das die absolute Richtigkeit der eigenen Aussage zeitlos darstellt.
Step 8: Kompletter Kontaktabbruch um der eigenen Aussage noch einmal Gewicht zu verleihen und die Ausmaße der Zerstörung zu potenzieren.
Step 9: Fap.
Step 10: Profit!

This concludes our tutorial. Thank you for your attention. Good luck destroying people!

Samstag, 13. April 2013

Gefangenenschaftsmandat (by Sven)

Gefangenschaftsmandat – So übergehe all euer Besitz in den Meinigen

So übergehe all euer Besitz in den Meinigen
Der Entriegeler zu eurem Schloss
Die Konkubine die Ihr begehret 
Den Klepper den Ihr reitet

So übergehe all euer Besitz in den Meinigen
und richte euren Frater 
Eure Meinung ist gewiss
Das Leben ist nicht rechtens

Des Speeres Spitze unverzüglich in dein Haupt
Gefangenschaft zum Mandat ist des Oberhauptes der nicht rechtschaffenen Höfe.
Welcher Wahnwitz beschäftigt euch, Mann?
Dies ist der Fluss des Minnesangs, Mann!
Heget Ihr einen Groll, Schelm?
So kommet herbei
Gefangenschaftsmandat Art und Weise, 83 Dutzend Gramm Ellen
Osmanischer Landstreicher marschieret ein, 
Wackenbeladung. Katapult Aktionen! 
Ich begehe den sündigen Akt mit dem Magistrat und all Eurer Gemeinwesensordner, 
du Sohn einer Dirne, 
spricht der Meinige zum Torwächter. 
So kommet zur Besinnung, 
sonst werdet Ihr rücklings verdrescht! 
Landfürst Mandat kehrt wieder ein 

Und er koitiert mit euren Gemäuern, 
handelt das Arzneimittel tumber Tore bei Dunkelheit. 
Ich habe etwas feilzubieten, 
strecke die Arznei mit H(exenkraut)
und steigere deine Begierden. 
So koitiere mit dir selbst du nichtsnutziger Schalk einer Dirne, 
just steige der Obolus hoch, 
Ihr konsumieret Südostasiens-H und es dünkt euch, es sei reinliches Pharmazeutikum. 
Kaiserfalz O.F. 
Gefangenschaft erobert die Liste der Vortrefflichen, 
Osmanisches Landstreichertum

So übergehe all euer Besitz in den Meinigen
Der Entriegeler zu eurem Schloss
Die Konkubine die Ihr begehret 
Den Klepper den Ihr reitet
So übergehe all euer Besitz in den Meinigen
und richte euren Frater 
Eure Meinung ist gewiss
Das Leben ist nicht rechtens.

Sonntag, 7. April 2013

Die Halde

Ich setze mich in's Auto und fahre los. In zwei Minuten bin ich da. Ich steige die Himmelstreppe hoch.

Auf meinem Weg nach oben laufe ich an einer Familie vorbei. Es ist Wetter wie dieses, das verkündet, dass irgendwo doch noch ein Frühling und vielleicht gar ein Sommer wartet und gleichsam die Menschen anzieht. Als es die Treppe noch nicht gab, war man immer alleine oben - höchstens die besten Freunde waren um einen gescharrt. Ein Kind der Familie zählt die Stufen. Ich vermute, dass ihm bei 40 die Lust vergehen wird. Süß ist es trotzdem.

Auf dem Weg stehen Leute zwischen den Treppensegmenten und verschnaufen. 103 Höhenmeter wollen erstnal erklommen sein. Oben angekommen flieht zu meiner linken ein Ginger-Kind lautstark vor einer Biene. Merkwürdig, ich dachte immer, Bienen stechen nur Menschen mit Seelen. Zu meiner rechten stehen ein älterer Mann und eine sicher zehn Jahre jüngere Frau in der Sonne. Er macht Fotos von ihr. Sie wirken sehr vertraut, vermutlich hat die Liebe über den Altersunterschied gesiegt.

Ein paar Menschen lassen Drachen steigen oder starten mit Fallschirmen zum Flug zum Fuße der Halde. Irgendwie beruhigend, diese lautlose Bewegung in der Luft. Am Boden steht immer jemand und blickt erwartungsvoll oder bewundernd in die Höhe. Es ist doch jeder ein Träumer.

Ich suche mir einen schönen Platz in der Sonne und setze mich mit meinem Buch auf den warmen Stein. Unweit von mir vergnügt sich eine Gruppe junger Türken. Mir schallen überraschend leise Balkan-Beats entgegen, ich höre eine fremde Sprache und schnappe ein paar Beleidigungen und Angebereien auf. Bei ihnen ist der Umgang untereinander immer so. Sie zünden ein kleines Feuer an und fragen jeden, der vorbeikommt, nach Taschentüchern.

Immer mal wieder kommt ein vorwiegend älteres Pärchen zu meinem Ort. Sie blicken einige Sekunden in die Ferne und drehen wieder um. Heute ist die Sicht fast so klar wie gestern. Nur Richtung Osten hängt die Dunstglocke über dem Ruhrgebiet. Irgendwo dort liegt vermutlich meine zukünftige Heimat. Und meine Zukunft. Ich vergesse das Lesen und komme in's Träumen. Irgendwie verstehe ich alles. Doch ist mein Kopf voller Paradoxen, ein Wirrwarr aus Gedanken, die alle für den Bruchteil einer Sekunde Sinn ergeben und sich ständig verändern. So ist das, wenn man sich Gedanken macht. Ich sitze schon lange nicht mehr alleine hier, obwohl man neben mir keinen Menschen sieht.

Ein kleines Mädchen kommt mit seinem Hund. Ich weiß nicht, wie oft ich den Namen "Kira" in den kommenden 30 Minuten höre. Wäre ich ein alter verbitterter Mann, würde ich mich wohl an ihr stören. Süß ist es trotzdem.

Eine Schülerin der Oberstufe taucht mit ihrem Opa auf. Sie setzen sich neben mich. Mir fallen tausend Geschichten ein, traurige wie frögliche. Die beiden blicken verträumt gen Horizont. Sie hat einen Fotoapparat dabei. Sie reden über ihr Hobby. Zwischendurch macht er eine Anmerkung über die Deutschtürken: "Man möchte glauben, das sei eine Karikatur, aber die sind ja wirklich so." Ich stimme hörbar in ihr Lachen ein, wir werfen uns kurz sympathisierende Blicke zu, ich träume lächelnd weiter.

Ich bin frei und inspiriert. Ich denke Dinge, die keiner denkt. Ich weiß, was ich will. Meine Halden-Katharsis ist beendet und ich mache mich wieder auf den Weg nach unten. Beim Abstieg fällt mir ein, dass auf dem Hinweg ein Auto über rot gefahren ist und mich fast erwischt hätte.

Freitag, 1. März 2013

Teamsitzung

Ärztin: "Gibt es die Kugelschreiber von der Klinik eigentlich irgendwo zu erwerben? Viele Patienten haben schon gefragt."
Chefarzt 1: "Ja, bei mir, für 6€ das Stück."
Psychotherapeutin: "SECHS Euro...interessanter Betrag."
Chefarzt 1 (nach etwas Überlegen): "Jeder hat seine eigenen Assoziationen."
Psychotherapeutin: "Da haben sie aber lange für gebraucht."
Chefarzt 2 (circa 60 Jahre alt): "Ich habe das noch immer nicht verstanden."
Psychotherapeut (zu mir): "Das mit dem Alter verkneife ich mir jetzt lieber..."

Ach ja, Teamsitzungen sind schön.

Dienstag, 26. Februar 2013

Das Fitnessstudio an sich

Prolog

Nachdem ich mühsam alle nötigen Utensilien - Sportschuhe, Unterwäsche, Shirt, Jogginghose, Sportshirt, Sporthose, Mitgliedskarte, Wasserflasche, Schloss für den Spint, Sporttasche, Handtücher, Kopfhörer *an dieser Stelle habe ich circa 30 Minuten pausiert, ADS lässt grüßen* - mühsamm zusammen gesucht habe, begebe ich mich auf den Weg zum nahegelegenen Fitnessstudio mit drei "s".
Dort angekommen checke ich ein, ziehe mich um und gehe in die heiligen Hallen des Schweißes, der Minderwertigkeitskomplexe und des Testosterons. Es ist wirklich nur eine Halle mit einer Vielzahl an mehr oder weniger systematisch angeordneten Geräten. Erstmal gemütlich auf den Stepper. Der steht an der Wand zum Raum mit den restlichen Geräten hin ausgerichtet, von da kann man am besten Menschen beobachten.

Log

Man hat einen guten Überblick über den gesamtem Raum. An der gegenüberliegenden Seite der Halle prangt ein riesiges Bild an der Wand mit drei Frauen, die gerade anscheinend höchsten Genuss an einer Zumba-Bewegung finden, bei der sie breitbeinig stehen und ihren Oberkörper  mitsamt Armen nach links bewegen. Links im Cardio-Bereich fahren ein paar Leute Rad oder sind auf dem Laufband. Es fasziniert mich ja immer wieder, wie lange die das auf den Teilen aushalten. Wäre mir viel zu monoton, auf der Stelle laufen, immer dieser Blick vom Laufwand aus der Glasscheibe auf den unbeleuchteten Parkplatz. Sogar wenn ich die wunderschöne Landschaft des Niederrheins um mich herum habe, langweile ich mich nach spätestens 30 Minuten (reoccuring theme ftw).
Auf einem der "Räder" sitzt ein stark übergewichtiges Mädchen. Sie tut einem ein bisschen Leid, weil man sich schon vorstellen kann, dass sie es im Alltag nicht leicht hat. Und dass sich das wohl auch nicht ändern wird, da sie ihr Essverhalten nicht umstellen und in zwei Wochen aus Disziplinmangel nicht mehr hier sein wird.
Ein dicker Kerl läuft vor dem Stepper vorbei, zielgerichtet aber doch sehr unsicher. Er tut einem ein bisschen Leid, weil sich einem seine Gedanken förmlich aufdrängen. So viel Angst und Unsicherheit, so ein schlechtes Selbstbild. Hübsch ist er nicht, aber vielleicht ein cooler Typ. Das scheint den Menschen allerdings egal zu sein. Gut, die beste Therapie gegen Ansgt, ist sich, ihr auszusetzen. Man kann seiner Gesundheit wegen nur hoffen, dass er bleibt.
Verschwitzt stehen weiter hinten, im Hantelbereich, schon die üblichen Verdächtigen. Es sind diese Leute, die man jedes mal, wenn man hier ist, sieht. Der schmächtige Kerl, der unbedingt Masse aufbauen will und das auf welche Weise auch immer bereits geschafft hat. Der breitgebaute Typ, der bestimmt nicht all sein Muskelvolumen ohne Hilfsmittel aufgebaut hat. Sie tun einem ein bisschen Leid, weil man merkt, wie hoch der Druck ist, der auf sie wirkt. Seien es eingebildete soziale Normen, Ansprüche an sich selber aufgrund von Minderwertgkeitsgefühlen oder sonst etwas.
Die Gruppe von Türken, die zwar zu fünft gekommen sind, aber immer nur einem von sich dabei zugucken, wie er sich an großen Gewichten versucht, steht mittendrin. Natürlich muss jeder in der Gruppe der härteste Pumper sein. Der Starke ist beliebt, der Schwache wird belächelt. Neben der Gruppe steht ein Angestellter des Fitnessstudios mit zwei "s". Er tut einem ein bisschen Leid, weil man die Krankhaftigkeit, mit der er seinen Körper stählert, ansieht. Er arbeitet dort, wo er seine vermeintliche Leidenschaft hat. Arbeiten im Trainingsraum oder trainieren om Trainingsraum. Ob das sein Horizont, seine Perspektive ist?
Ich stehe mittendrin. Ich möchte mich eigentlich nur etwas jenseits des Stuhls betätigen. Etwas weniger Fett, etwas mehr Muskeln, das hat noch keinem geschadet. Ich tue mir nicht Leid, weil ich ein undisziplinierter Hedonist bin, und sowieso nur so viel tun würde, wie es mir Spaß macht und guttut.

Epilog

Jetzt tue ich mir Leid. Ich habe vergessen, dass ich in 15 Minuten zum Kino verabredet bin. Schnell packe ich meine Sachen und gehe zurück in die Umkleide. Auf dem Weg quer durch die Halle, in der ich mich seit circa 2x 30 Minuten befinde, komme ich an den Laufbändern vorbei. Hier steht noch immer derselbe Typ, den ich auch schon vom Stepper aus beobachtet habe. Er läuft noch immer auf der Stelle, schweißgebadet, mit dem Rücken zur Halle, das Gesicht Richtung Glassscheibe, die den Blick auf den unbeleuchteten Parkplatz freigibt. Faszinierend.

Freitag, 22. Februar 2013

Radical Honesty

Durch Mo bin ich vor einiger Zeit auf das Konzept von "Radical Honesty" aufmerksam geworden. Er hat das vermutlich bei der Serie "Lie to Me" aufgeschnappt. Kurz und knapp besagt es: sage immer die Wahrheit! Geht das überhaupt?

Die einfache Antwort: ja! Aber es ist nicht immer ratsam, dieses Konzept anzuwenden. Wenn Hitler vor einem Juden steht und ihn fragt, ob er Jude ist, wäre es evolutionär gesehen nicht sinnvoll, die Wahrheit zu sagen. Den gelben Stern sollte er natürlich auch verstecken.
Eine andere Sache ist es bei Freunden oder generell Menschen, die unser Vertrauen genießen. Hier bin ich wirklich davon überzeugt, dass man immer ehrlich sein sollte. Das ist manchmal unangenehm - sonst würde niemand lügen. Und diese unangenehmen Dinge muss man auch gar nicht unbedingt aussprechen. Ungefragt kann man sie sowieso für sich behalten und wenn man gefragt wird, muss man eben entscheiden, ob man ehrlich sein oder schweigen sollte. Man will niemanden verletzen.
In jedem Fall finde ich es Freunden gegenüber unfair, zu lügen. Sie haben die Ehrlichkeit verdient, unter anderem als Zeichen von Vertrauen. Wenn mich also meine Schwester fragt, ob ich ihr Kleid mag, bekommt sie eine brutal ehrliche Antwort, ob es mir nun gefällt oder nicht. Diese Masche, nach einer Meinung zu fragen, aber eigentlich nur Komplimente hören zu wollen, um sich besser zu fühlen, auch, wenn sie gar nicht der tatsächlichen Meinung entsprechen, sollte man bei mir also vermeiden. Das weiß meine Schwester zum Glück.
Lügen haben kurze Beine. Und sind anstrengend. Den Aufwand, den so eine Lüge erfordert, möchte ich gar nicht betreiben. Man muss viel weniger aufpassen, was man sagt, wenn man sich ohnehin sicher sein kann, dass alle die Wahrheit kennen.
Ich mache das auch, weil ich von anderen erwarte, dass sie mich genauso behandeln. Wenn ich eine Frage stelle, möchte ich eine ehrliche Antwort bekommen. Natürlich ist da nicht immer nur Positives zu holen, aber wenn ich höre, dass jemandem etwas nicht gefällt, kann ich zumindest reflektieren und entscheiden, ob ich etwas ändere. Ich gehe dann mal einkaufen, radikal ehrlich gegenüber den Leuten, die es vertragen und verdienen!