Montag, 9. September 2013

Bundestagswahl 2013

Vorwort

Als ich 2010 mal den "Political Compass" Test ausgefüllt habe, wurde mir eine linksliberale Einstellung attestiert. Nun habe ich mich in den vergangenen drei Jahren gewiss verändert, doch würde ich schon sagen, dass ich noch irgendwo in die Ecke passe (, aber eher liberal und nicht so links). Bei den wenigen Wahlen, an denen ich bisher teilnehmen durfte, war ich nie so gut informiert, wie bei dieser Wahl. Und noch nie fiel mir meine Entscheidung so schwer. Das höre ich (mehr oder weniger erfreulicherweise) von mehreren Menschen.
Typisch Niederrheiner - weiß nichts, kann aber alles erklären - möchte ich hier meinen Entscheidungsfindungsprozess erklärend zusammenfassen. Dieses Jahr gibt es irgendwie keinen richtigen Buhmann, zumindest bei den wählbaren Parteien. Doch wer zählt eigentlich dazu?

Man muss sich überlegen, was man will: Ideologie vs Praktikabilität - die FDP

Jeder erwachsene Mensch hat ja ein gewisses Werteverständnis und eine Auffassung davon, was ihm wichtig ist und wie er und andere sich idealerweise zu verhalten haben. Jeder weiß aber auch um die vermeintliche Unerreichbarkeit dieser Idealen. Genau so ist es bei den Parteien: auf der einen Seite hat man Ziele, die man erreichen möchte, auf der anderen die Realitätsabwegung, inwiefern das Erreichen dieser Ziele zu verwirklichen ist.
Als radikaler linksliberaler Terrorist - heil Freiheit! (spätestens jetzt habe ich auch Gauck auf meiner Seite) - müsste ich also eindeutig FDP wählen. Deren Programm klingt auch gar nicht so schlecht, Wahl-O-Mat unterstützt den Gedanken...erscheint simpel. Aber das Parteiprogramm schien auch schon vor 4 Jahren gar nicht so schlecht zu sein - was vielleicht daran lag, dass viele der nun formulierten Ziele gleich geblieben sind.
Was hat die FDP denn vorzuweisen? Streit mit der Koalition, gescheiterte Gesundheitsreform, Geschenke an einzelne Lobbys...miau. Wenn man sich also anguckt, was die Partei will bzw. öffentlich vorgibt zu wollen, und was sie erreicht, ist im Grunde alles gesagt. Stichwort Lobby - mein zentrales Problem mit der Partei ist, dass bei allen noch so löblichen Zielen die Personalien erschreckend sind...ich will nicht von korrupten, verlogenen Lobbyisten sprechen. Ein Blick auf Abgeordnetenwatch gibt den Liberalen endgültig den Todesstoß aufgrund mangelnder Glaubwürdigkeit. Sie fordern Transparenz bei Abgeordnetengehätlern, stimmen im Bundestag aber dagegen, werben für gleichgeschlechtliche Ehe, stimmen aber dagegen, befürworten auf Wahlplakaten die doppelte Staatsbürgerschaft, stimmen aber dagegen. Miau. Neulich nannte mal jemand die FDP nicht die Vorreiter, sondern die Verräter des Liberalismus. *insert Metallica song title here*

Man muss sich überlegen, was man will: Entscheidungshilfe

Anderes Stichwort, Wahl-O-Mat. Regelmäßig sind Leute überrascht, ja gar empört, was für ein Ergebnis der Wahl-O-Mat ihnen ausspuckt. Das kann entweder daran liegen, dass man sich über seine eigene politische Orientierung nicht bewusst ist, oder daran, dass man eine falsche Vorstellung von der politischen Orientierung einer Partei hatte, oder daran, dass man sich zu allen - auch einem unwichtigen - Thesen geäußert hat, ohne diese zu gewichten. Wenn für mich etwas egal bzw. nicht wahlrelevant ist, überspringe ich die These (und wähle nicht etwa neutral, denn das ist eine von drei möglichen Positionen). Selbiges gilt auch für Dinge, von denen ich einfach keine Ahnung habe. Das ist auch ein Problem, denn ich habe keine Ahnung von Wirtschaft oder Finanzpolitik - woher soll ich also wissen, ob ein Mindestlohn eine gute Idee ist?
Laut dem Wahl-O-Mat müsste ich übrigens die Freien Wähler oder die Rentner wählen. Die disqualifizieren sich bei mir durch Dummheit (Beispiel: die Rentner lehnen eine doppelte Staatsbürgerschaft ab mit der Begründung „Mehrfache Staatsangehörigkeiten bedeuten logischerweise Konflikte.” - sehr gut!). Dummheit nehme ich auch pauschal zum Anlass, mich nicht für eine andere der "kleinen" Parteien zu entscheiden - nebst einem fehlenden Gesamtkonzept. An dritter Stelle käme die FDP, über die ich ja jetzt nichts mehr schreiben muss.
Beim Wahl-O-Mat verläuft also vieles nach Schwerpunkten, deren Gewichtung und nach Ideologie. Deswegen schneiden glücklicherweise Parteien mit einem vollkommen anderem Werteverständnis bei mir sehr schlecht ab, so zum Beispiel die CDU, AfD und die NPD.
Ganz wichtig ist jedenfalls: den Kommentar jeder Partei zu der jeweiligen These lesen!

Man muss sich überlegen, was man will: Die Regierung

Letztendlich geht es bei der Wahl doch darum, wer uns in Zukunft regieren soll. Wessen Ziele finden wir besser und wem trauen wir eher zu, seine Ziele umzusetzen. Bei dem ganzen Einheitsbrei der Parteiprogramme dieses Jahr muss man sich das schon genau überlegen. The big battle, black-yellow vs red-green, in the tiger-corner, Angela "Angie" Merkel, in the stoplight-missing-one-color corner, Peer "Fettnäpfchen" Steinbrück. Programm und Personalie.
Den nicht zuletzt durch Christian Lindner liebevoll gewonnenen Kosenamen hat der gute Peer glücklicherweise wieder ein wenig ablegen können. In Sachen Öffentlichkeitsarbeit ist er jedenfalls kein Genie. Angela hat sich da weniger zu Lasten kommen lassen, aber das ist ja das schöne am Opportunismus. Ob man sich jetzt für denjenigen entscheidet, der sich auch mal nicht makellos zeigt oder für denjenigen, der abwartet und dann die Entscheidung trifft, die besser ankommt, ist denke ich Geschmacksfrage. Ich finde letzteres jedenfalls menschlich schwach, unauthentisch und unehrlich. Ich bin zusätzlich kein Freund von brutaler Machtpolitik - außer bei Putin, aber das ist Putin, und Putin lässt sich mit freiem Oberkörper fotografieren und ist verdammt cool! - wie man sie zum Beispiel bei der parteiinternen Debatte zur Frauenquote erlebt hat (arme Ursula ♥).
Kommen wir mal zu den Fragen unserer Zeit...da geht es ja vor Allem um Nachhaltigkeit, also eine gute Lösung zur noch immer nicht zu Ende gehen wollenden Finanzkrise, Wirtschaftspolitik, die Energiewende und verschiedene europäische und internationale Entscheidungen. Unser derzeitiger Finanzminister Schäuble (CDU) scheint seine Sache nicht schlecht zu machen. Sein Vorgänger konnte das allerdings auch ganz gut; das war Peer Steinbrück (SPD). Die Energiewende wollen alle, nur die Umsetzung ist diskutabel. Die Forderung der Grünen bezüglich Kohlekraft halte ich für sehr gewagt.
Es existieren noch viele interessante und wichtige Themen, aber hier ins Detail zu gehen, würde den Rahmen sprengen. Ich achte auf die innen- und außenpolitischen Tendenzen und entscheide mich für das realitätsnähere und zukunftsträchtigere Gesamtpaket. Bezüglich der vor der letzten Wahl formulierten Pläne und der Umsetzung selbiger (circa keine), sollte man einen Regierungswechsel zumindest mal kritisch überdenken.

Was machen eigentlich...die Grünen?

Ach ja, die vegetarischen umweltschützenden Weltverbesserer, auch genannt die neue Mitte...oder war das die CDU...oder doch die SPD...oder moment, war es nicht die FDP? Ach nein, das waren die Pädophilen! Etwas weniger erschreckend, aber auch nicht attraktiv, wirkt das Programm zum Thema Kultur. Generell erhoffte ich mir eigentlich Erholung, wo ich dann doch nur Gefasel fand. Sollte ich jetzt noch die Frage nach der Realitätsnähe stellen? Gebt das Hanf frei!

Was macht eigentlich...die Piratenpartei?

Ach ja, die kleinen Rabauken hätte ich fast vergessen. Eines (etwas verspätet) vorweg: so ein scheiß Name! Wie kann man sich denn - wenn man schon als Aufhängethema, das viele Kontroversen hervorruft, das Urheberrecht hat - nach Kriminellen benennen?! Ich gründe bald auch eine katholische Partei und nenne mich die Pädophilen!! Oh Moment, war das ein Vorwurf? Egal, die Idee haben ja die Grünen schon geklaut. Ich bin verwirrt. Damit scheine ich immerhin etwas mit den Piraten gemeinsam zu haben. Denn das, was die Partei anfangs den Wählern vorwarf, nämlich nicht zu wissen, was sie will, das scheint mittlerweile auch auf ihre Mitglieder zuzutreffen. Schade eigentlich. Vielleicht mal ein paar radikale CCC Leute durch Kompetenz austauschen.

Das Nichtwählen

Wenn alle Nichtwähler von 2009 "Stocks Partei für unbegrenzten Alkoholkonsum und freie Liebe" gewählt hätten, hätten wir auf einmal einen neuen Spitzenreiter (SPfuAfL 30%, CDU 24%, SPD 16%) gehabt. Stichwort Regierungsfähigkeit. Unbegrenzter Alkohol und freie Liebe? Es wäre das - im wahrsten Sinne des Wortes - fucking paradise auf Erden! Und die, die nicht wählen gehen, meinen, es ändere sich nichts?
Wenn ich zwischen zwei Chipssorten, die ich nicht mag, entscheiden muss, entscheide ich mich trotzdem für eine, wenn es sonst nichts gibt. Wenn es um die Zukunft unseres Landes geht, darf ein bisschen Hunger erlaubt sein.
Möchte irgendwer hier für die Linke oder NPD stimmen? Nein? Wer nicht wählen geht, stärkt diesen Parteien automatisch den Rücken. Natürlich nicht so sehr wie eine direkte Stimme für die Partei, aber mehr als wenn er eine andere wählte. Und wenn ich destruktiven Dummen etwas Macht wegnehmen kann, mache ich das gerne.
Wer partout niemandem seine Stimme geben möchte, der möge sich doch bitte wenigstens aufraffen und einen ungütligen Wahlzettel ( = Enthaltung ) abgeben. Das ist aus oben genannten Gründen zwar nicht wirklich sinnvoll, aber immerhin taucht man dann in der Wahlbeteiligung auf. In der Regel wird eine höhere Wahlbeteiligung allerdings als größere Zufriedenheit mit dem System interpretiert, was wohl das Gegenteil von dem wäre, was man ausdrücken wollen würde. Klingt kompliziert? Dann wählt doch einfach!

Nachwort

Wer ist also wählbar? Es scheint so, als wären das am ehesten die Partei der Nichtwähler oder die Partei. Eingängige Namen. Was wählbar ist, habe ich entschieden. Was ich wähle, weiß ich noch nicht. Ich glaube auch nicht, dass es darum gehen wird, wen ich wählen will, sondern eher darum, wen nicht. *insert same Metallica song title here*
Ein bisschen schade finde ich ja, dass die Parteien so sehr damit beschäftigt sind, sich an kurzfristigen Aufregungsthemen aufzuhängen, was dann auch noch durch die Medien massiv unterstützt wird, anstelle mal über wirklich wichtiges zu reden, wie zum Beispiel Visionen für die nächsten zehn bis 20 Jahre. Was ist eigentlich die Zukunft der Parteien? Was ist die Zukunft der Demokratie? Und was ist mit der Mündigkeit, für die wir doch so viel tun?

Vote #SPfuAfL !

Donnerstag, 5. September 2013

Happy Birthday tooooo meeeee

Am Anfang dieses Tages scheint die Sonne und es ist angenehm warm. Ich bin ja persönlich kein Fan davon, aus seinem Geburtstag eine große Sache zu machen. Auch nicht aus seinem 25. . Das stößt generell auf Unverständnis und ich sehe auch ein, dass man seinen Freunden irgendwann mal eine Feier schuldig ist. Das wird auch alles passieren, wenn ich mal umgezogen bin und meine Masterarbeit fertiggestellt habe. Also circa zu meinem 50. Geburtstag (toi toi toi)!

Heute morgen um neun Uhr stehe ich semi-ausgeschlafen auf, bereite mir einen Kaffee zu und lese Zeitung. Ein ganz normaler Morgen also, wenn man mal von dem Zahnarzttermin absieht - kann auch keiner glauben, dass man den freiweillig auf seinen Geburtstag legt. Nunja, wenn man zeitnah zu den Menschen zweiter Klasse (gesetzlich Versicherten) gehören wird, muss noch alles zügig gecheckt bzw. erledigt werden. Sogar um diese Uhrzeit trifft man in Vluyn Menschen, die man nicht nur kennt, sondern die einem auch gratulieren - faszinierend! Zurück daheim finde ich an meinem Platz einen Umschlag "für den besten Bruder der Welt". Da dürften sich jetzt viele amerikanische Schwarze vor den Kopf gestoßen fühlen.

Nach getaner "Arbeit" setze ich mich mit einer weiteren Tasse Kaffee und einem Stück leckerer Geburtstagstorte, die ich heute Nacht geschenkt bekommen habe - wie lieb kann man denn bitte sein? - auf die Terrasse und lese Zeitung. "It is good to have land"...oder so.

Es klingelt an der Tür. Yeah, ein Paket!...für die Nachbarn. Man kann nicht alles haben. Immerhin erreichte mich gestern bereits eines meiner Patentante aus Lübeck. Natürlich mit köstlichem Niederegger (hihihi, wen man richtig klammert, entsteht hier ein rassistisches Wort) Marzipan, außerdem Gewürzen und Chili Öl, nom! Dabei lese ich eine Karte, auf der ein "hot horny babe in her underwear" (ein Nashorn im String) abgebildet ist...meine Schwester kennt einfach alle meine Vorlieben.

Es klingelt an der Tür. Yeah, eine Frau (leider einem Nashorn gar nicht so unähnlich)! Die Türklinke ist gerade gedrückt und die Türe einen Spalt weit geöffnet, da legt sie schon los: "Guten Tag und entschuldigen Sie die Störung, ich habe mal eine ganz kurze Frage, Sie brauchen auch gar nicht böse zu sein...". ACH JA? WAS IST DENN, WENN ICH BÖSE SEIN WILL?! Okay, was kommt jetzt? Möchte ich über Jesus reden? Habe ich Gott als meinen einzigen Herrscher akzeptiert? Ihre siebzehn Kinder sind im Dreißigjährigen Krieg gestorben und sie braucht Hundefutter? Fast. "..., aber ich bin vom Zirkus und..." NEIN, NEIN, NEIN. "...wir machen viel für kleine Kinder und ich sammele Spenden...". Ich lehne freundlich ab. Alles Gute an den Zirkus!

Ein bisschen Erholung muss sein, also begebe ich mich kurz auf die Halde und sonne mich ein wenig. Anschließend zocke ich zu Hause eine Runde - man muss sich ja beweisen, dass man noch immer jung ist! Ich gratuliere einer Freundin, die gerade in Amerika ist und ebenfalls Geburtstag hat, und erinnere sie daran, dass sie mir ob einer verlorenen Wette noch einen Kasten schuldet. Ich Gutmensch. Jetzt mache ich mich fertig und gehe noch mit Oma und Cousin essen...und dann noch mit zwei Freunden ein Bierchen ("ein" kann in diesem Fall alles von zwei bis zehn heißen) trinken.

Mit allem Guten kommt auch immer etwas Schlechtes - und natürlich auch immer viel mehr Schlechtes als Gutes, also begebt euch alle brav in Psychotherapie $.$ (oder eher €.€ ). An diese Stelle möchte ich jedenfalls daran erinnern, dass wir heute vor sieben Jahren einen der wunderbarsten Menschen dieses Planeten verloren haben. Rest in peace, Crocodile Hunter (aka Steve Irwin)! Möge in jedem von uns ein Stück seiner Lebensfreude, seines Mutes und Enthusiasmus (und hoffentlich kein Stück Stachelrochen) weiterleben!

Am Ende dieses Tages darf ich allen, die an mich gedacht haben bzw. (digitale) Hilfsmittel an mich haben denken lassen und mir gratuliert haben, danken, und euch mindestens all das wünschen, was ihr mir gewünscht habt! Ohne euch wäre mein Leben ziemlich langweilig. Ich freue mich immer über alle Glückwünsche und würde am liebsten mit jedem von euch Kinder kriegen, weil ihr einfach geil seid und alles Glück der Welt verdient habt (Unterhalt müsstet ihr selber zahlen).

PS: Es kamen dann doch noch die dem ALG am nahe stehendsten Freunde vorbei und es wurde 5.30 Uhr. Uppala.

Montag, 22. Juli 2013

Abizeitung

Die Schulferien haben begonnen. Der Doppeljahrgang genießt die bzw. leidet unter der Hitze und gönnt sich zum Großteil erstmal eine Auszeit, ähnlich wie alle anderen Menschen, die es sich erlauben können. In solchen Momenten der Ruhe fand die diesjährige Ausgabe der Abizeitung ihren Weg zu mir.

Darin werden alle 213 Schüler, die dieses Jahr ihr Abitur gemacht haben, vorgestellt. Das geschieht in Form von Charakterisierungen, die durch Freunde geschrieben wurden. Auf einer Seite soll der ehemalige Schüler also beschrieben werden. Von der Form her fallen zwei bis drei leere Seiten von Leuten, die entweder keine oder nur sehr unorganisierte Freunde haben, sowie eine in Java gecodete Seite auf.

Der Rest langweilt mich eher. Auf den Fotos lächeln alle brav. Ein paar Mädels haben sich für den Fototag anscheinend richtig in Schale geschmissen und posen modelhaft, während der ein oder andere Kerl ein bisschen breiter grinst oder eine Pose macht. Ich weiß jetzt, dass erstere gerne essen, dass sie sich vorm Feiern Gedanken um ihr Outfit machen, dass jemand Alkohol trinkt, dass er oder sie die liebenswerteste Person der Welt ist, gerne lacht und weitere total unpersönliche Dinge.

Dabei fällt auf, dass irgendwie keiner so richtig schreiben kann. Man erkennt immer gewisse Wörter und Formulierungen und versteht irgendwie, was gemeint ist, aber Deutsch scheint keine Priorität in der Schullaufbahn gewesen zu sein. Anscheinend sind Kerle da auch fitter als Frauen, aber das könnte auch das miese Sexistenschwein in mir sein.

Ich weiß noch damals, als wir uns mit unserer Freundesgruppe aus sieben Kerlen zusammengesetzt und die Charakterisierungen füreinander geschrieben haben - eine gleichzeitig und natürlich immer unter Ausschluss des zu Charakterisierenden (der währenddessen übrigens den GTA Vice City Spielstand weitergespielt hat). Lustig war's, und bei jedem ist ein individueller und treffender Text rausgekommen. Ganz zu schweige von den Lachattacken beim Schreiben und späteren Lesen.

Ich denke gerne zurück an die Zeit und versuche in der vor mir liegenden Abizeitung bekannte Charaktere wiederzufinden. Ich überlege, wie es bei uns war, versuche ein Gefühl für den - nennen wir es - "Zeitgeist" zu bekommen und ihn zu vergleichen. Das will mir nicht so richtig gelingen. Eigentlich sollte dieses Jahr das fünfjährige Jubiläum unseres Jahrgangs sein, um das sich aber keiner so richtig kümmern will, wie es noch anders in Monate zurückliegenden zufälligen Smalltalk Begegnungen beteuert wurde.

Am Ende der Zeitung steht noch ein kritischer Kommentar, kaum länger als eine Seite, über die Idee des Doppeljahrgangs. Es wird dort gesprochen über die Probleme, einen Studienplatz zu bekommen, aber auch über organosatorische Probleme der Vergangenheit, wie z. B. das Ausrichten des Abiballs für so viele Menschen. Wirkt etwas lieblos.

Das Rating der Schüler darf natürlich nicht fehlen. Man will ja auch in zehn Jahren noch wissen, wer das schönste Auto hatte, welches Mädchen am meisten Zeit vor dem Spiegel verbrachte und welche/r Lehrer/in am meisten feiern und am sexiesten gekleidet war. Fun Fact: die Top 2 haben beide bereits mit Schülern geschlafen. Die eine ist jetzt mit einem ehemaligen zusammen, die andere hat Abiturlösungen an einen Schüler weitergegeben, ist aufgeflogen und jetzt für vier Jahre suspendiert. Ein Hoch auf heiße, feierwütige Lehrerinnen!

Die Abizeitung lege ich beiseite. Ist ein solide produziertes Werk. Ich kenne aus den beiden Jahrgängen kaum Leute, und dennoch ist mein Kopf voller Eindrücke, Erinnerungen und Zukunftsprognosen. Die sind etwas detaillierter als die Wünsche vieler Abiturienten "meine Ziele zu erreichen" oder "glücklich zu sein". Man kann ihnen nur das Beste wünschen.

Sonntag, 26. Mai 2013

Impressionen eines außergewöhnlichen Sonntags

Ich bin mal wieder viel zu lange wach geblieben. Aber ein bisschen sollte man den kommenden Tag, an dem es nach Osnabrück zum Finale der U17 Damen (oder sagt man dann Mädchen?) im Basketball nach Osnabrück geht. Sechs Stunden Schlaf müssen reichen...von denen bekomme ich aber nur fünf, weil ich nach einer Stunde mal wieder mit Herzrasen und Angstzuständen wach werde und mir erstmal ausreden muss, dass Einbrecher (die ich eigentlich gerne verprügeln will) im Haus sind.

Früh aufstehen, alle Planung über den Haufen werfen und dann doch wieder zum Ursprung zurückkehren. Ich liege also 30 Minuten, die ich eigentlich gechillt mit Fertigmachen verbringen würde, im Bett. Dann muss natürlich alles etwas schneller gehen. Möchte Pinkeln, doch das Klo hat keine Klobrille mehr. Schockzustand. Entgegen jeglicher guter Erziehung mach ich's dann im Stehen. Geht alles gut.

Ich mache ein Bild vor'm Duschen mit Bart, eins nach'm Duschen mit Bart (Haare bereits faszinierend weniger voluminös) und eins nach'm Duschen rasiert. Ach so, das mit Pseudo-Hitlerbärtchen als Zwischenstadium habe ich vergessen. Sieht aber auch nicht originalgetreu aus. Mich eben geil riechend machen und Bier einpacken. Fahre zu Sven um mit ihm weiter zum Bahnhof zu fahren. Zug hat 35 Minuten Verspätung. Würden den Anschlusszug in Dortmund nicht mehr bekommen. Kaufen ein Ticket für in zweu Minuten. Sven leist in der "Hektik" den Zugplan falsch und wir warten an Gleis 13. Unser Zug steht an Gleis 12, das am selben Bahnsteig liegt. Ein Typ, der da steht, sagt "Das ist der falsche.". Später wird mir klar, dass er gar nicht wusste, welchen wir suchten. Jedenfalls fährt der Zug vor unseren Augen los, ohne, dass wir wissen, dass es unserer ist. Folglich sitzen wir eine Stunde am Duisburger Hauptbahnhof fest. Klingt negativ, ist eigentlich das Paradies. Denn nun bietet sich die erste Gelegenheit für ein Bier. Etwas nach 10 Uhr zischt es zwei mal und der Alkohol beginnt sich im Körper auszubreiten.

Die viel zu teuren Brötchen aus der Bäckerei und der preislich total angemessene Kaffee von Starbucks gestalten das Frühstück. Eine ältere Dame moniert auffällig meine laute Art zu reden. Ignoriert man. Die Welt soll unsere Gesprähe ruhig hören. Den Metaller mit der Köpi-Dose neben uns amüsieren sie augenscheinlich. Und generell müsste man das alles eigentlich mal aufnehmen. Nicht nur, dass wir uns dann daran erinnern (und nicht drei mal das gleiche Gespräch führen) würden, wir würden auch reich damit werden. Qualität. Die gutaussehende Starbucksverkäuferin bringen wir übrigens mit zwei Sätzen dazu, ihren eigenen Arbeitgeber zu polemisieren. Glukoseintoleranz, Größenangaben die von L bis XXL reichen und Hipster sind Thema. Zu Glukoseintolernaz habe ich neulich eine Studie gelesen...auf der südlichen Erdhalbkugel liegt die Quote in der Bevölkerung bei 80-100%, in der nördlichen jedoch bei 0-20%. Was sagt uns das? Richtig, Hitler.

Die Zeit verfliegt wie im Flug. Ob Dinge wohl auch nicht im Flug verfliegen? Man weiß es nicht. Jedenfalls wollen wir unser Ticket umbuchen. Dies wird uns verwehrt. Weil es den ganzen Tag gültig ist. Froher Dinge begeben wir uns zu unserem Gleis - diesmal wirklich 13 - und steigen in den Zug. Wir setzen uns auf reservierte Plätze von Leuten die in Bochum (Ich) und Münster (Sven) zusteigen. Es hagelt gute Gespräche, die ein Till sich gewiss gewünscht hätte, und die die Mitfahrer n Hörreichweite gewiss unterhalten. Das erste Thema ist übrigens eine Kritik an der Bahn für dieses bescheuerte Ticket plus Sitzreservierung Prinzip. In Bochum steigt niemand zu, Jackpot. In Münster - oh, ich vergaß, vier Bier später - dann leider doch. Die Frau, die auf Svens Platz will, macht irgendeine Bemerkung, von der sie wohl dachte, dass sie witzig sei. Ich erwidere etwas, von dem ich wohl dachte, dass es witzig sei. Lachend entferne ich mich. Das Lachen vergeht mir auch nicht bei der weiteren Suchen nach einem Sitzplatz, während der wir direkt von vielen Wegelagerern Sympathie erfahren. Man kann einfach nicht anders.

Im Speisewagen darf man nur sitzen, wenn man sich etwas kauft, beispielsweise ein Croissant mit Käse für 3,20€. Die letzten 20 Minuten stehen wir also. In denen kontrolliert uns auch endlich ein Schaffner. Beinahe hätte sich der Kauf der Tickets für 55€ nicht gelohnt. Angekommen bewundern wir kurz den Osnabrücker Bahnhof und nehmen uns ein Taxi. Der Taxifahrer ist super. Hat Humor und redet über relevante Dinge. Welche das waren, habe ich ob des Alkohols bereits vergessen.

Wir kommen in der Halle an. Nur ein paar Minuten verpasst. Ich sitze neben meiner Mutter im orange-pinken Fanshirt vom TSV Hagen, dem VErein meiner Schwester. Auf dem Shirt steht ominöserweise TSV AH. Man denke sich seinen Teil. Boah nein, nicht was du jetzt wieder denkst, nicht Albert Heijn, die bekannte Supermarktkette aus den Niederlanden. Dummerweise ist meine Mutter auch Handhaberin der großen Trommel. Obwohl wir in Osnabrück gegen Osnabrück spielen, übertönen wir (hach, Zugehörigkeitsgefühl ist sowas Tolles) die Gastgeber. Ich bekomme dafür ein Paar mal das Teilzumaufdietrommelschlagen gegen's Bein, aber das gehört einfach zu einer authentischen Experience (Anglizismen ftw). Sven und ich feuern an und beleidigen Gegner. So, dass es kaum einer merkt natürlich. Wir bekommen wirklich nur 1-2 böse Blicke. Ein kurzer Schreckmoment, als eine Gegnerin auf den Fuß von Sarah fällt, an dem sie sich erst eine Woche zuvor einen Bänderanriss zugezogen hat, ist sputig überwunden. Schneller als man sich versieht ist das Spiel gewonnen. Hagen ist Meister. Als ich sehe, wie meine Schwester (Top Scorer) und ihre beste Freundin im Team (sonst Top Scorer) sich umarmen habe ich sogar eine Träne im Auge. Papa (wir nennen ihn in Fantasiegespinnen "Flitzer" mit allem was dazu gehört) steht natürlich schon auf dem Feld und macht Fotos. Mama ist mittlerweile auch dabei. Eigentlich ist die Tribüne bis auf uns leer.

Wir gehen dann auch auf's Feld. Sarah sieht mich kommen, löst sich vom Team und springt mir in die Arme - beziehungsweise möchte das. Sie rutscht fast auf dem vom Zelebrieren mit Wasserflaschen nassen Boden aus. Ich fange sie und hebe sie hoch. Stolz. Mama wischt verantwortungsbewusst das Wasser weg...wenig später rollt ein Wagen an, der das in mehrfacher Geschwindigkeit für sie übernimmt. Guter Wille ist trotzdem süß. Danach passiert eine lange Zeit nichts und Sven und ich spielen etwas Basketball auf freien Korb. Man sind wir gut. Mal wieder Kind sein, kurz die Urkunde, die Sarah mir anvertraut hat auf eine Matratze legen, die dann weggeräumt wird, sie panisch irgendwie durch das Befragen einiger Leute in der Halle wieder auftreiben, weiter Kind sein...bis wir dann irgendwann zum Griechen aufbrechen. Natürlich mit dem ganzen Team.

Irgendwann während der Fahrt zum Griechen fällt Papa auf, dass er gar nicht weiß, wo der Grieche ist. Im Endeffekt war er wenige hundert Meter von der Halle weg, aber man will ja was von der Stadt sehen. Sven und ich sitzen an einem Tisch mit einem Basketballpapa und seinem Sohn. Seine anfänglichen Versuche, über Basketball zu reden, unterbinden wir schnell. Stattdessen geht es wenig später um Glücksspiel in Laos, Thainutten mit denen man Kinder zeugt und dann heiratet (Tochter und Sohn beide asiatisch geprägt), Ouzo der auf's Haus geht, Fußball, das Beleidigen des Sohnes als Junkie (das den Vater belustigt) und verwandte Themen. Gyros mit Bechamelsoße sollte man mal gegessen haben. Ein Punkt weniger auf der Bucket List.

Die Tochter setzt sich zu uns. Sie redet über verschiedenes und wirkt selbstbewusst. Ich finde das sehr angenehm, aber stelle mir vor, dass sie im Team unbeliebt ist. Das bestätigt sich später. Sarah sagt, sie sei das Opfer des Teams. Zu nervig. Ist uns egal, wir trinken Ouzo auf's Haus und Bier. Glücksspiel. Hitler. Nach dem Essen brechen alle zu ihrer Heimat auf. Es war nett. Der Heimweg wird mit Schlafen und einem Whatsappchat "Rückbank" (Sven, Sarah, ich) verbracht. Textpassagen sind "mehr liebe in einem chat als in zwei jahren", "der fahrer is do besoffen", "am 7. tag schuf gott den menschen, deswegen is nr 7 am besten gewesen".

Gerade zu Hause überrascht uns eine befreundete Basketballfamilie. Komisches Wort. Der jüngere Sohn der Familie hat vor einer Woche erreicht, was Sarah jetzt erreicht hat. Man lacht zusammen und redet über Basketball. Das gleiche wie jeden Abend also. Ich stelle mich der Höflichkeit halber ein paar Minuten mit dem letzten aus dem Kühlschrank geholten Köpi dazu. Doch dann zieht es mich zurück in mein Gemach. Den ganzen Tag stand ich übrigens in Kontakt mit und dachte an eine Person, mit der ich jetzt mental verlobt bin. Sagt zumindest Twitter.

Samstag, 20. April 2013

How to...destroy a human being with words

Step 1: Erfragen, ob zu zerstörende Person anwesend ist.
Step 2: Nachdem man sich von der Anwesenheit der zu zerstörenden Person überzeugt hat, erkundigt man sich bei selbiger, wo sich die Grenzen ihres Verständnisses befinden.
Step 3: Weise die Person darauf hin, dass es auch eine friedliche Art und Weise gibt, die Dinge zu regeln. Dies muss immer die komplette Unterwerfung der Person und ihre Anpassung an die eigenen Pläne zur Folge haben.
Step 4: Bei mangelnder Kooperation, mit dem Anzünden drohen. Der zu zerstörenden Person muss klar werden, dass dies mit einem Autoreifen geschehen soll.
Step 5: Den obligatorischen Rausschmiss verkünden.
Step 6: Nocheinmal auf die Möglichkeit völliger Unterwerfung hinweisen um eine Rekapitulation seitens der zu zerstörenden Person zu ermöglichen.
Step 7: Internetmeme posten, das die absolute Richtigkeit der eigenen Aussage zeitlos darstellt.
Step 8: Kompletter Kontaktabbruch um der eigenen Aussage noch einmal Gewicht zu verleihen und die Ausmaße der Zerstörung zu potenzieren.
Step 9: Fap.
Step 10: Profit!

This concludes our tutorial. Thank you for your attention. Good luck destroying people!

Samstag, 13. April 2013

Gefangenenschaftsmandat (by Sven)

Gefangenschaftsmandat – So übergehe all euer Besitz in den Meinigen

So übergehe all euer Besitz in den Meinigen
Der Entriegeler zu eurem Schloss
Die Konkubine die Ihr begehret 
Den Klepper den Ihr reitet

So übergehe all euer Besitz in den Meinigen
und richte euren Frater 
Eure Meinung ist gewiss
Das Leben ist nicht rechtens

Des Speeres Spitze unverzüglich in dein Haupt
Gefangenschaft zum Mandat ist des Oberhauptes der nicht rechtschaffenen Höfe.
Welcher Wahnwitz beschäftigt euch, Mann?
Dies ist der Fluss des Minnesangs, Mann!
Heget Ihr einen Groll, Schelm?
So kommet herbei
Gefangenschaftsmandat Art und Weise, 83 Dutzend Gramm Ellen
Osmanischer Landstreicher marschieret ein, 
Wackenbeladung. Katapult Aktionen! 
Ich begehe den sündigen Akt mit dem Magistrat und all Eurer Gemeinwesensordner, 
du Sohn einer Dirne, 
spricht der Meinige zum Torwächter. 
So kommet zur Besinnung, 
sonst werdet Ihr rücklings verdrescht! 
Landfürst Mandat kehrt wieder ein 

Und er koitiert mit euren Gemäuern, 
handelt das Arzneimittel tumber Tore bei Dunkelheit. 
Ich habe etwas feilzubieten, 
strecke die Arznei mit H(exenkraut)
und steigere deine Begierden. 
So koitiere mit dir selbst du nichtsnutziger Schalk einer Dirne, 
just steige der Obolus hoch, 
Ihr konsumieret Südostasiens-H und es dünkt euch, es sei reinliches Pharmazeutikum. 
Kaiserfalz O.F. 
Gefangenschaft erobert die Liste der Vortrefflichen, 
Osmanisches Landstreichertum

So übergehe all euer Besitz in den Meinigen
Der Entriegeler zu eurem Schloss
Die Konkubine die Ihr begehret 
Den Klepper den Ihr reitet
So übergehe all euer Besitz in den Meinigen
und richte euren Frater 
Eure Meinung ist gewiss
Das Leben ist nicht rechtens.

Sonntag, 7. April 2013

Die Halde

Ich setze mich in's Auto und fahre los. In zwei Minuten bin ich da. Ich steige die Himmelstreppe hoch.

Auf meinem Weg nach oben laufe ich an einer Familie vorbei. Es ist Wetter wie dieses, das verkündet, dass irgendwo doch noch ein Frühling und vielleicht gar ein Sommer wartet und gleichsam die Menschen anzieht. Als es die Treppe noch nicht gab, war man immer alleine oben - höchstens die besten Freunde waren um einen gescharrt. Ein Kind der Familie zählt die Stufen. Ich vermute, dass ihm bei 40 die Lust vergehen wird. Süß ist es trotzdem.

Auf dem Weg stehen Leute zwischen den Treppensegmenten und verschnaufen. 103 Höhenmeter wollen erstnal erklommen sein. Oben angekommen flieht zu meiner linken ein Ginger-Kind lautstark vor einer Biene. Merkwürdig, ich dachte immer, Bienen stechen nur Menschen mit Seelen. Zu meiner rechten stehen ein älterer Mann und eine sicher zehn Jahre jüngere Frau in der Sonne. Er macht Fotos von ihr. Sie wirken sehr vertraut, vermutlich hat die Liebe über den Altersunterschied gesiegt.

Ein paar Menschen lassen Drachen steigen oder starten mit Fallschirmen zum Flug zum Fuße der Halde. Irgendwie beruhigend, diese lautlose Bewegung in der Luft. Am Boden steht immer jemand und blickt erwartungsvoll oder bewundernd in die Höhe. Es ist doch jeder ein Träumer.

Ich suche mir einen schönen Platz in der Sonne und setze mich mit meinem Buch auf den warmen Stein. Unweit von mir vergnügt sich eine Gruppe junger Türken. Mir schallen überraschend leise Balkan-Beats entgegen, ich höre eine fremde Sprache und schnappe ein paar Beleidigungen und Angebereien auf. Bei ihnen ist der Umgang untereinander immer so. Sie zünden ein kleines Feuer an und fragen jeden, der vorbeikommt, nach Taschentüchern.

Immer mal wieder kommt ein vorwiegend älteres Pärchen zu meinem Ort. Sie blicken einige Sekunden in die Ferne und drehen wieder um. Heute ist die Sicht fast so klar wie gestern. Nur Richtung Osten hängt die Dunstglocke über dem Ruhrgebiet. Irgendwo dort liegt vermutlich meine zukünftige Heimat. Und meine Zukunft. Ich vergesse das Lesen und komme in's Träumen. Irgendwie verstehe ich alles. Doch ist mein Kopf voller Paradoxen, ein Wirrwarr aus Gedanken, die alle für den Bruchteil einer Sekunde Sinn ergeben und sich ständig verändern. So ist das, wenn man sich Gedanken macht. Ich sitze schon lange nicht mehr alleine hier, obwohl man neben mir keinen Menschen sieht.

Ein kleines Mädchen kommt mit seinem Hund. Ich weiß nicht, wie oft ich den Namen "Kira" in den kommenden 30 Minuten höre. Wäre ich ein alter verbitterter Mann, würde ich mich wohl an ihr stören. Süß ist es trotzdem.

Eine Schülerin der Oberstufe taucht mit ihrem Opa auf. Sie setzen sich neben mich. Mir fallen tausend Geschichten ein, traurige wie frögliche. Die beiden blicken verträumt gen Horizont. Sie hat einen Fotoapparat dabei. Sie reden über ihr Hobby. Zwischendurch macht er eine Anmerkung über die Deutschtürken: "Man möchte glauben, das sei eine Karikatur, aber die sind ja wirklich so." Ich stimme hörbar in ihr Lachen ein, wir werfen uns kurz sympathisierende Blicke zu, ich träume lächelnd weiter.

Ich bin frei und inspiriert. Ich denke Dinge, die keiner denkt. Ich weiß, was ich will. Meine Halden-Katharsis ist beendet und ich mache mich wieder auf den Weg nach unten. Beim Abstieg fällt mir ein, dass auf dem Hinweg ein Auto über rot gefahren ist und mich fast erwischt hätte.